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Ausgabe № 07 Navigation im Menü
Portraits Made in Germany
Özgür Koca

Interview mit Özgür Koca

Interview-Feature

Özgür Koca

"Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man schönes bauen." Dieses Zitat von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die außergewöhnliche Geschichte von Özgür Koca aus Hamburg. Über das Fotografieren mit Multiple Sklerose (MS), Teamwork und die Liebe zur Fotografie.

Q01

Frage

Özgür, würdest Du mir beipflichten, wenn ich sage, dass in Deinem Fall die Geschichte hinter den Bildern eine außergewöhnliche ist?

Antwort

Ja, ich denke schon. Ich bin 36 Jahre alt und wohne in Hamburg. Als gelernter Web Designer hatte ich schon immer großes Interesse im Medienbereich. Ab 2009 habe ich angefangen mich mit der Bildbearbeitung zu beschäftigen. So startete mein Weg in die Fotografie. 2013 begann ich selbst zu fotografieren. Da mich von Geburt an eine körperliche Einschränkung (MS) begleitet und ich dadurch im Rollstuhl sitze, ist es mir nicht möglich die Kamera zu halten. Diese Situation hält mich, meinen Willen und meine Leidenschaft für die Fotografie aber nicht auf. Deshalb passt der Spruch „Wer will, der kann“ in dem Fall sehr gut. Mein geniales Team, bestehend aus meiner Frau und Josh, bedient für mich die Kameratechnik und gestaltet mit mir das bestmögliche Bild. Zum Schluss perfektioniere ich das Bild mit meinem Bearbeitungsstil. Diesen Arbeitsschritt mache ich komplett alleine.

Q02

Frage

Dein Shooting-Partner Joshua ist nicht nur Deine rechte Hand, sondern auch Deine linke. Er führt die Kamera während des Shootings. Wie kann man sich ein Shooting mit Euch vorstellen?

Antwort

Als erstes bespreche ich mit dem Model die Locations und die Outfits. Am Tag des Shootings treffen wir uns dann an dem abgemachten Treffpunkt. Dann wird erst einmal ein wenig geredet, da wir sehr viel Wert auf eine lockere und lustige Atmosphäre legen. Danach beginnt das eigentliche Shooting. Ich übernehme sozusagen die Rolle des Regisseurs und erkläre Josh und dem Model wie ich mir die Aufnahmen vorstelle. Dabei sind Kameraeinstellungen, Bildkomposition und Darstellung des Models sehr wichtig. Wir arbeiten fast ausschließlich mit natürlichem Licht. Nach den ersten Fotos zeigt mir Josh die Ergebnisse auf dem Kameradisplay und ich teile ihm meine persönlichen Verbesserungswünsche mit. Meistens bin ich zufrieden, da Josh mittlerweile meine Gedankengänge sehr gut versteht.

Q03

Frage

Mittlerweile sprichst Du im Vorfeld eines Shootings offen über Deine Krankheit. Hast Du auch schon einmal negative Erfahrungen gemacht?

Antwort

Ja das stimmt. Anfangs war ich sehr unsicher was das Selbstbewusstsein als Fotograf angeht. Ich dachte früher, dass die Modelle vielleicht mein Können und meine Professionalität in Frage stellen würden, weil ich ja die Kamera nicht selbst führen kann und nur die Möglichkeit habe meine Vorstellung in mündlicher Form umzusetzen. Eine negative Erfahrung habe ich tatsächlich gemacht. Vor einem Shooting kam das Model auf mich zu und fragte mich warum ich als Fotograf im Rollstuhl sitze, und wie ich das überhaupt machen will. Als sie dann die ersten Ergebnisse gesehen hat war dann alles gut (lacht). Aber trotzdem zieht mich dann so ein Moment eine kurze Zeit etwas herunter. Sonst muss ich aber sagen, dass ich nur positive Erfahrungen gemacht habe. Die meisten finden unsere Teamarbeit sogar besonders sympathisch!

Bildserie zum Gespräch

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Q04

Frage

Was möchtest Du mit Deinen Fotos ausdrücken? Was ist Dir bei einem Foto wichtig?

Antwort

Der Fotostil sollte so gestaltet sein, dass das Model perfekt mit dem Hintergrund harmoniert. Bei nahezu allen Fotos arbeiten wir mit offener Blende, so dass das Bild mit viel Bokeh Tiefe gewinnt. Das ist unser Ding geworden (lacht). Ich möchte Werke erschaffen die man sich mit Freude ansieht, und die den Alltag etwas versüßen. Mit meinen Live Videos möchte ich zeigen, dass jeder das erreichen kann was man sich wünscht, wenn man hart dafür arbeitet und dabei bleibt wenn es mal nicht so läuft wie man es sich gewünscht hat. Die Bilder sollen Menschen inspirieren, die z.B auf sozialen Netzwerken mehr Erfolg als Model oder Fotograf haben wollen. So haben sie eine Vorstellung was man alles mit einer Kamera und ein wenig Kreativität erschaffen kann. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das, besonders am Anfang, sehr hilfreich ist.

Q05

Frage

Deine Geschichte trägt eine Botschaft: Nichts ist unmöglich! Trotz Deines Handicaps die Fotografie weiter zu betreiben sagt etwas über Deine Liebe zur Fotografie, aber auch etwas über Dich als Menschen aus. Welches Verhältnis hast Du zur Fotografie und zum Leben?

Antwort

Ich habe das große Glück eine sehr positive und motivierte Einstellung zu haben. Ich mache einfach das beste aus meiner Situation und genieße jeden Tag. Es würde ja nichts bewirken den ganzen Tag in Selbstmitleid zu versinken. Ich bin sehr froh meine geliebte Frau und zwei wundervolle Kinder zu haben, die mich in jeder Situation unterstützen. Durch meine Behinderung lasse ich mich nicht aufhalten! Ich habe zum Beispiel früher Rollstuhlhockey beim Hamburger Sportverein gespielt. Man kann, meiner Meinung nach, aus jeder Situation ein schönes Leben schaffen! Mit der Fotografie verhält es sich genauso. Ich liebe es meinen kreativen Ideen mit technischen Hilfsmitteln wie z.B. einer Kamera oder einem Computer freien Lauf zu geben und am Ende ein Ergebnis meiner Arbeit zu betrachten. Wenn das dann auch noch positives Feedback bekommt, ist das natürlich ein tolles Gefühl. Ein anderer Punkt warum ich die Fotografie liebe ist, da ich durch sie neue Menschen kennenlerne und oft auch Freundschaften entstehen.

Q06

Frage

Vor kurzem hast Du Deinen ersten Workshop über 2 Tage in Hamburg veranstaltet. Was war es für ein Gefühl, dass Menschen von weit her zu Dir kamen um von Dir zu lernen? Und welche Inhalte hast Du dort vermittelt?

Antwort

Es war natürlich ein unglaubliches Gefühl, dass sich andere, auch sehr talentierte Fotografen ein Wochenende Zeit genommen, einen teilweise langen Weg zurückgelegt haben, nur um von mir und meinem Team zu lernen. Das ist für mich auch eine Bestätigung meiner Arbeit. Am ersten Tag haben wir uns nur mit den Aufnahmen beschäftigt. Dazu haben wir zwei Modelle eingeladen und sind in der Hamburger Hafencity umher gezogen. Dort haben wir den Teilnehmern die grundlegenden Kameraeinstellungen, und welche Auswirkungen Sie auf das Bild haben gezeigt. Auch Komposition, die Gestaltung mit dem Licht und die Gesichtsausdrücke und Posen der Modelle haben wir den anderen Fotografen näher gebracht. Wir haben bei dem Workshop ganz nach unserem Stil nur mit natürlichem Licht gearbeitet. Am zweiten Tag haben wir uns dann in einem gemieteten Raum getroffen und den Tag genutzt um den Teilnehmern die Bildbearbeitung mit Photoshop zu zeigen. Auch hier kam die gewohnte Teamarbeit zum Einsatz. Ich habe den anderen Interessierten den Workflow und die Funktionen erklärt, und Josh hat sozusagen meinen Arm ersetzt und die Ausführung übernommen. Meine Frau hat für leckere Verpflegung gesorgt (lacht). Es war auf jeden Fall eine super Erfahrung und meine Motivation ist riesig so einen Workshop zu wiederholen. Mittlerweile zeige ich den Leuten auch in Form von Videotutorials wie ich meine Bilder bearbeite.

Q07

Frage

Welche Ziele hast Du Dir mit der Fotografie für die nächste Zeit gesetzt? Und welche Wünsche und Träume verfolgst Du privat?

Antwort

Ich möchte noch mehr Workshops geben, und mich auch in diesem Bereich verbessern. Meine Meinung dazu ist, dass man immer etwas lernen kann. Ein Traum von mir ist es irgendwann auch außerhalb von Deutschland zu fotografieren und auch im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Josh hat mittlerweile den selben Traum (lacht). Privat hoffe ich, dass sich mein gesundheitlicher Zustand nicht verschlechtert und ich so fit und motiviert bleibe. Das gleiche gilt natürlich für meine Familie. Sonst bin ich eigentlich rund um glücklich, da ich wundervolle Freunde und eine noch wundervollere Familie habe!

Credits

Veröffentlicht: 23. Dezember 2018

Format: Interview mit integrierter Bildserie

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